Aktuelles Leben

Nachhilfe für das Glück

Vom Kinderwunsch zum Wunschkind
Text: Claudia Piller-Kornherr
  • Unerfüllter Kinderwunsch kann zur Belastungsprobe für eine Beziehung werden.
    Unerfüllter Kinderwunsch kann zur Belastungsprobe für eine Beziehung werden.

Manchmal kommt es mir vor wie ein Wunder“, erzählt Birgit M.* und blickt zärtlich hinunter zu dem kleinen, blonden Mädchen, das sich fröhlich glucksend mit wackligen Schritten seinen Weg durchs elterliche Wohnzimmer bahnt. Auf dem Boden verstreut liegen Rasseln, Kuscheltiere, ein paar Bauklötze. Auf dem Teppich die Reste einer angekauten Maiswaffel. Man sieht ihr deutlich an – für Birgit bedeutet
dieses Stillleben schlichtweg die Erfüllung ihrer Träume. Das Wunder ist heute auf den Tag genau 13 Monate alt und heißt Lilly. Dass es Lilly gibt, dafür haben Birgit und ihr Mann David* lange gekämpft. Sieben Jahre waren die beiden schon ein Paar, erzählt sie uns. Hatten ihre Studien in Wien und Graz abgeschlossen, geheiratet, Birgit ein paar Jahre in einem Architekturbüro gearbeitet. Mit 32 schien dann der Zeitpunkt perfekt, ihr Glück mit einem gemeinsamen Kind zu krönen. Birgit setzt die Pille ab. Das Paar ist voller Euphorie und Vorfreude. „Wir waren völlig aus dem Häuschen, haben Pläne geschmiedet, gedanklich schon die gesamte

Wohnung umgebaut.“ Doch nichts passiert. Ein Jahr vergeht, ohne dass Birgit schwanger wird. „Dabei war ich mir so sicher, dass es ganz schnellt geht“, erzählt die junge Frau. „Viele Frauen haben die Erwartungshaltung, gleich schwanger zu werden, sobald sie aufhören zu verhüten. Das ist eine Fehleinschätzung“, weiß der Grazer Gynäkologe Dr. Michael Schenk.

„Es gibt unter natürlichen Bedingungen so viele Möglichkeiten, nicht schwanger zu werden, dass es tatsächlich an ein Wunder grenzt“, so der Gründer und ärztliche Leiter eines Kinderwunsch-Instituts in Dobl bei Graz. Für David und Birgit wird das Warten und Hoffen zur Belastung für die Psyche, stellt die Beziehung auf eine harte Probe. Als rundherum einigen befreundeten Paaren Nachwuchs ins Haus steht, freuen sie sich zwar mit, dennoch bleibt die bange Frage: „Warum klappt das bei uns nicht?“ „Wenn die Freundinnen darüber jammerten, dass ihnen Babys den Schlaf rauben, war das wie ein Schlag ins Gesicht“, erinnert sich Birgit.

  • Das Wunder Mensch: Ein Geniestreich der Natur.
  • Für Dr. Michael Schenk und seine Frau Claudia Schenk-Hauschka sind Kinder eine Herzensangelegenheit.

„In einem Tropfen von Nährlösung kommen Eizelle und Samenzelle zusammen in einen Brutschrank – das Ganze bei 37 Grad, 100 Prozent Luftfeuchtigkeit und viel Ruhe. Also beinahe wie in der Karibik“, so Dr. Schenk mit einem Augenzwinkern.„In diesem Lebensraum ahmen wir das Milieu im Eileiter nach und ermöglichen mit viel Aufwand, dass es zu einer Befruchtung kommt und dass die Embryonen auch weiterwachsen. Embryologie ist das Herzstück unserer Arbeit und so etwas wie Erlebnisgastronomie für Eizellen und Samenzellen.“ Über 6000 Paare setzten in Österreich 2015 auf eine „assistierte Befruchtung“ – der Begriff der „künstlichen Befruchtung“, wie er in den Anfängen der Reproduktionsmedizin gebraucht wurde, wird heute weitgehend vermieden. Ebenso sind die moralisierenden Unkenrufe aus christlich-konservativen Kreisen verklungen, die noch 1978 das erste „Retortenbaby“ als „anmaßenden Eingriff in Gottes Handwerk“ abqualifiziert hatten. Dem Biologen Robert Edwards und dem Frauenarzt Patrick Steptoe war es damals gelungen, eine männliche und eine weibliche Keimzelle im Labor miteinander zu verschmelzen und den Embryo ihrer Patientin Lesley Brown, 30, einzusetzen.

Mit Erfolg: Am 25. Juli 1978 brachte Brown per Kaiserschnitt ihre Tochter Louise zur Welt. Für Birgit und David war der Weg zum Wunschkind via In-vitro-Fertilisation (IVF) die Ideallösung – auch wenn das„Projekt Baby“ mitunter „eine Zitterpartie war“: Erst das bange Warten, ob die Hormongaben eine ausreichende Zahl Eizellen reifen haben lassen. Dann die Ungewissheit, ob die Befruchtung im Brutschrank funktioniert. Sie funktionierte – beim dritten Anlauf durfte der Storch mit der kleinen Lilly zur Landung ansetzen. „Wir haben eine turbulente und anstrengendeZeit hinter uns“, resümiert Birgit. Aber der Aufwand habe sich gelohnt: „Den Moment, als wir im Ultraschall zum ersten Mal die schnellen Herztöne unserer Tochter gehört haben, werde ich nie vergessen.“

Das gesamte Intverview mit Reproduktionsmediziner Dr. Michael Schenk lesen Sie in der aktuellen Herbstausgabe der VORFREUDE.

 

* Zum Schutz der Privatsphäre wurden die Namen der genannten Personen abgekürzt.