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30 Shades of Graz

„Österreichs heimliche Liebe“ – das war der Claim für Graz, bevor man die Stadt 2003
zur Kulturhauptstadt Europas kürte. Liebe ist gut, aber wieso heimlich, fragen wir uns – und halten mit unserer Zuneigung für die steirische Landeshauptstadt gar nicht erst hinterm Berg. Soll sie doch jeder sehen: unsere Leidenschaft für Graz, dieses alpin-mediterrane Kaleidoskop von allem, was unser Leben reicher macht. Eine Liebeserklärung in 30 Akten.
Claudia Piller-Kornherr
  • Kunsthaus mit Blick auf Franziskanerkirche, Graz
    Kunsthaus mit Blick auf Franziskanerkirche, Graz
  • "Aufsteirern" in Graz
  • Der Berg ruft
    Der Berg ruft

Wir schreiben das Jahr 1985. Die wohl bekannteste Grazer Band Opus singt gerade mit dem Brustton der Überzeugung „Live is Life“. Und ganz Österreich grölt mit. Die Jungs rund um Frontman Ewald Pfleger stürmen in Folge mit ihrer Ode an die Lebenslust die internationalen Charts. Seither ist viel Wasser die Mur hinuntergeflossen. Das Leben ist immer noch life, nämlich großartig, ganz besonders in Graz. Und das nicht nur subjektiv, sondern auch evidenzbasiert: Bei einer Studie zur Zufriedenheit mit der persönlichen Lebenssituation lag Graz 2016 auf Platz elf unter 89 EU-Städten, bei der Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz sogar auf Platz eins (Quelle: Referat für Statistik der Stadt Graz). Graz ist auch die am stärksten wachsende Stadt in Österreich, ja sogar europaweit der Ballungsraum mit dem meisten Zuwachs. Woran das liegt? Möglicherweise an einer gewissen Balance, die der Stadt innewohnt. Einem angenehmen Mittelmaß zwischen urban und provinziell. Graz hat eine wohlige Enge, die ein Gefühl der Geborgenheit erzeugt. Ist aber doch groß genug, dass man nicht klaustrophobisch wird. Graz ist städtisch genug für den Hipster, der sich vor dem Besuch im Barber Shop noch einen Chai Latte um die Ecke holen will.

Weltläufig genug für ein Opernhaus, das den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Offen genug für eine quirlige Szene von Kreativen, die die Stadt zu umschwirren scheinen wie die Motten das Licht. Und doch so ländlich, dass man praktisch an jeder Ecke einen Bauermarkt findet, um sich bei regionalen Anbietern mit Äpfeln, Speck und Käferbohnen zu versorgen. So nah an der Natur, dass man nach einer halben Stunde Fahrt dem Zauber der südsteirischen Weinhügel erliegen kann. Und – zugegeben – so kleinräumig, dass man nie wirklich anonym ist und zweimal überlegt, ob man sich in Jogginghosen schnell etwas vom Supermarkt holt. Graz hat etwas Übersichtliches, etwas Strukturiertes. Graz schafft Ordnung in meinem Kopf. Und wer weiß, vielleicht tut ja genau diese Übersichtlichkeit gut in komplexer werdenden Zeiten. Falls man doch einmal die Orientierung verliert, ist da stets der Uhrturm droben auf dem Schloßberg, der einem quasi aus jeder Richtung den Weg weist wie ein Polarstern mit goldenen Zeigern.

Entdecken Sie die 30 Blickwinkel auf die facettenreiche Murmetropole in der aktuellen Ausgabe der VORFREUDE.